Ich denke seit Wochen über eine Zahl nach, die mich nicht mehr loslässt: 1,29 Millionen.
So viele Mitglieder haben alle Parteien im Deutschen Bundestag zusammen - CDU, SPD, Grüne, CSU, Linke, AfD, FDP. Klingt erstmal nach viel. Bis man sie ins Verhältnis setzt. Circa 60,5 Millionen Menschen in Deutschland sind wahlberechtigt (Stand: Bundestagswahl 2025). Das heißt: Gerade einmal 2,1 Prozent der Wahlberechtigten sind überhaupt Mitglied in einer Partei. 98 von 100 Menschen, die wählen dürfen, haben sich höchstwahrscheinlich nie in einer Partei engagiert oder waren dort Mitglied.
Und dann habe ich angefangen, diese Zahl mit anderen Vereinen zu vergleichen. Und es wurde absurd.
Was ist eine Partei eigentlich, rechtlich gesehen?
Hast du dir schon mal Gedanken darüber gemacht, was eine Partei rechtlich überhaupt ist? Unternehmen haben klare Bezeichnungen - Aktiengesellschaft, GmbH, OHG - mit jeweils eigenen Pflichten, Haftungsregeln und Kontrollmechanismen. Und Parteien?
Damit du die Seite jetzt nicht verlassen musst, um das selbst nachzuschlagen: Eine Partei ist rechtlich nichts anderes als ein Verein. Genauer: Parteien und ihre Untergliederungen haben in Deutschland in der Regel die Rechtsform eines nicht rechtsfähigen, also nicht einmal ins Vereinsregister eingetragenen Vereins. Ausnahmen sind die CSU und die FDP, die sich immerhin die Mühe gemacht haben, sich als eingetragener Verein (e.V.) registrieren zu lassen. Der Rest - CDU, SPD, Grüne, Linke, AfD - bewegt sich in einer rechtlichen Form, die formal lockerer organisiert ist als ein Kleingartenverein.
Mitgliederzahlen im Vergleich: der ADAC und alle Bundestagsparteien zusammen
Der ADAC, ein Automobilclub, zählt mittlerweile über 22,7 Millionen Mitglieder. Das Siebzehnfache aller im Bundestag vertretenen Parteien zusammen. Der DFB, der deutsche Fußballverband, kommt auf 7,7 Millionen. Das Deutsche Rote Kreuz auf über drei Millionen. Selbst die Kleingärtner - Menschen, die sich um Tomaten und Komposthaufen kümmern - bringen es mit ihrem Bundesverband auf knapp 900.000 organisierte Mitglieder, fast so viele wie CDU oder SPD alleine.
Ich finde das eigentlich beruhigend. Stell dir vor, der ADAC würde plötzlich entscheiden, wer in diesem Land regiert. Oder der DFB. Mit ihrer Mitgliederzahl hätten sie die Macht dazu - theoretisch könnten sie jede Bundestagswahl an die Wand spielen, wenn sie als geschlossener Block aufträten. Tun sie nicht. Und das ist gut so. Diese Vereine kümmern sich um das, wofür sie gegründet wurden: Pannenhilfe, Fußball, Erste Hilfe, Gartenarbeit. Sie wollen nicht regieren.
Und genau hier wird es interessant, denn rechtlich dürften sie es als gemeinnützige Vereine gar nicht. Wer als gemeinnützig anerkannt ist - wie der ADAC oder das Rote Kreuz - darf keine Partei unterstützen oder bekämpfen. Jede parteipolitische Betätigung würde die Gemeinnützigkeit gefährden. Der ADAC könnte mit seinen 22 Millionen Mitgliedern also gar nicht einfach so kandidieren, ohne seinen kompletten Status aufzugeben.
Eine Partei dagegen kann mit einer Handvoll Menschen gegründet werden. Das Parteiengesetz schreibt keine Mindestmitgliederzahl vor. Es gab tatsächlich schon einen Fall, in dem das Bundesverfassungsgericht eine Vereinigung mit 400 Mitgliedern als Partei anerkannt hat. 400.
Mit anderen Worten: Der Verein, der ehrlich sagt, was er ist, darf nicht mitregieren. Der Verein, der behauptet, das ganze Volk zu vertreten, braucht dafür nicht mal eine nennenswerte Mitgliederzahl.
Was darf ein Verein eigentlich versprechen?
Das brachte mich zur nächsten Frage. Wenn eine Partei im Kern nichts anderes ist als ein Verein - warum klingt das, was sie tut, dann so viel bedeutungsvoller als das, was andere Vereine tun?
Stell dir vor, der Vorstandsvorsitzende eines Unternehmens tritt vor die Hauptversammlung und verspricht: Wir stellen hunderttausend neue Mitarbeiter ein, wir expandieren in drei neue Märkte, der Umsatz verdoppelt sich. Die Aktionäre stimmen ihm zu, weil sie ihm das glauben. Ein Jahr später hat er fünfzigtausend Mitarbeiter entlassen, die Produktion ist eingebrochen, der Kurs im Keller. Was passiert mit diesem Mann? Er ist seinen Job los, vermutlich noch am selben Tag. Aufsichtsrat, Aktionäre, Markt - niemand würde das tolerieren.
Bei Parteien ist das anders. Vor der Wahl wird versprochen. Nach der Wahl zählt das Versprechen nicht mehr viel. Ich kenne keinen anderen Bereich des Lebens, in dem das so selbstverständlich hingenommen wird. Nirgendwo sonst darf jemand öffentlich etwas zusagen und sich anschließend so wenig daran gebunden fühlen, ohne dass es unmittelbare Konsequenzen hätte.
Bleiben wir kurz bei diesem Unternehmen, das sich nicht an seine eigenen Versprechen hält. Was würde so ein Vorstand als nächstes tun, um von den eigenen Fehlern abzulenken? Vermutlich genau das, was man in der Politik beobachten kann: den Blick weg von sich selbst und hin zur Konkurrenz lenken.
Wenn die Konkurrenz wichtiger wird als der eigentliche Job
Was mich daran am meisten irritiert: Ein gutes Unternehmen beschäftigt sich in erster Linie mit sich selbst. Mit seinem Produkt, seinen Kunden, seiner Weiterentwicklung. Kein Vorstand, der seinen Job ernst nimmt, würde seine ganze Energie darauf verwenden, den Mitbewerber schlechtzumachen, anstatt das eigene Angebot zu verbessern. Ein Unternehmen, das nur noch über die Konkurrenz redet, hat aufgehört, an sich selbst zu arbeiten - und das merkt man.
Schaut man sich die sogenannten Altparteien an, scheint deren größte Sorge oft eine einzelne Oppositionspartei zu sein - eine Partei, die noch nie regiert hat. Ein Großteil der politischen Debatte dreht sich darum, wie man diese eine Konkurrenz kleinhält, anstatt darum, wie man selbst überzeugende Politik macht. Wenn man so viel Energie in die Abgrenzung von einer Opposition steckt, die noch nicht einmal etwas zu verantworten hatte - wofür reicht die Energie dann noch im eigentlichen Job?
Für wen wird hier eigentlich Politik gemacht?
Das ist am Ende die Frage, die unter allem liegt. Wenn man sich die vergangenen Jahre ansieht: Wofür wird das Geld ausgegeben? Wessen Interessen stehen oben auf der Liste? Es entsteht der Eindruck, dass Unterstützung für andere Länder, internationale Verpflichtungen und immer neue Schulden wichtiger genommen werden als die Lage der eigenen Bevölkerung. Ob dieser Eindruck in jedem Einzelfall fair ist, kann man diskutieren - dass er entstanden ist und sich hartnäckig hält, lässt sich kaum bestreiten.
Pest oder Cholera
Und so bleibt am Ende dieses Bauchgefühl: Wählen gehen, um zwischen Pest und Cholera zu wählen. Wobei selbst die Cholera, medizinisch gesehen, behandelbar ist - im Gegensatz dazu, was sich in der Politik manchmal wie eine Krankheit ohne Therapie anfühlt.
Vielleicht ist die eigentliche Pointe diese: 1,29 Millionen Menschen sind Mitglied in einer Partei. 22,7 Millionen sind beim ADAC. Über sieben Millionen beim DFB. Drei Millionen beim Roten Kreuz. Die übergroße Mehrheit der Deutschen organisiert sich freiwillig in Vereinen, die etwas Konkretes tun - Pannenhilfe leisten, Erste Hilfe ausbilden, Fußball spielen, Gärten pflegen. Und eine verschwindend kleine Minderheit organisiert sich in Vereinen, die behaupten, im Namen aller zu sprechen und das Land zu lenken.
Beide sind Vereine. Nur einer von beiden darf regieren - wenn er den Wählern vorher genügend Sand in die Augen gestreut hat und genügend Märchen erzählt hat, an die sie glauben wollten.
Quellen: Forschungsgruppe Parteienmitgliederzahlen (FU Berlin / Niedermayer, 2025), Bundeswahlleiterin, ADAC Hauptversammlung 2025, DFB, Deutsches Rotes Kreuz, Bundesverband der Kleingartenvereine Deutschlands, bpb.de, Bundesministerium des Innern.